sabato 28 settembre 2019

Sozialistische Erinnerung

Mit Marta, die nett anzusehen war und so etwas Zivilisiertes hatte, was meiner damaligen Freundin, welche aus Oberfranken stammte, durchaus abging, ging ich eine dieser Wandelstraßen in der zweiten Hauptstadt Polens oder wie sie das hier so sehen entlang, als plötzlich ein schlohweißer Greis im schwarzen Anzug auf dieselbe losstürmte, sich vor ihr verbeugte und zum Handkuss etwas von "Prinzessin" sagte. Marta lächelte dazu, und zwar bezaubernd.

Sie hatte aber, glaube ich, irgendwas mit Rafał.  

sabato 14 settembre 2019

"Was willst du hier? In Inowrocław, du? Fahr weiter!”


Es begab sich, dass ich in Inowrocław umsteigen musste, was mir ein vielversprechender Name schien, wie für etwas Chemisches oder ein Medikament.

Ausgestiegen, geht es vom Ankunftsbahnsteig ins Bahnhofsgebäude. Die große Tür gegenüber führt allerdings nicht auf einen Vorplatz hinaus, wie einer denken könnte, sondern auf einen anderen Bahnsteig hinüber.

Der wirkliche Ausgang befindet sich nämlich auf der schmalen Seite des Gebäudes, gleich vor den Sitzen der Wartenden. Dort durch die Tür, steht der Reisende aber vor einem hohen Gitter und kann nicht auf den Platz, den er doch sieht. Zwei seitlich, links wie rechts abgehende Wege leiten wiederum auf Bahnsteige zurück, so dass unsereiner sich angehalten sieht, immer im Kreis zu gehen, einmal rechts herum, einmal links herum, obwohl er gern Inowrocław besichtigt hätte, was aber offenbar nicht gewünscht wird, und so artgemäß kreiselnd auf den Zug zu warten. Wenn ihm das zu viel würde, was aber unwahrscheinlich ist, stünden ja immer noch die eigentümlichen Inowrocławer Sitzgelegenheiten bereit.



venerdì 30 agosto 2019

seltene Berufe (2): Banklieger

Es ist schon länger her. Es spielt, wie man vielleicht auch sagen hört, in einer anderen Epoche.

Ich war im März in einer kulturellen Großstadt nördlich von Wieliczka zu Besuch. Ging ich dann am frostigen frühen Morgen durch die Straße der Theater, lagen dort schlafende Männer auf den Bänken. Das waren nicht so abgetane, wie man ja meinen könnte und etwa in Berlin gefunden hätte, sondern solche in Anzug und Krawatte. Einige hielten ihre schwarze Aktentasche, die neben der jeweiligen Bank auf dem Bürgersteig stand, mit der Hand fest. Das hatten sie die ganze Nacht getan, nachdem sie, wie man mir erklärte, spätabends volltrunken auf ihren Bänken niedergesunken waren. Später am Morgen würden sie in ein Büro gehen und dort weiterschlafen.

Heute sehen wir solche schlafend im Dekorum der Stadt befestigten oder beschäftigten nicht mehr. 

giovedì 27 giugno 2019

seltene Berufe (1): Friedhofsräumer

Wenn wir denn mal auf dem Friedhof zu liegen kommen, wie man ja hie und da sagt, werden wir doch ungern gestört, so wie auch unsere Lieben, welche uns an diesem Ort zu beweinen wünschen, Belästigungen schwer ertrügen, wie sie etwa entstünden, wenn wir zum Beispiel Drön oder Plön oder Nöl hießen, die neben uns aber Perathoners oder Hüttenbwohner oder so etwas. Wie schön, wenn der Friedhofsräumer da aufpasst und vorsorgt.

Wir liegen in Reihen, dicht gelegt natürlich, in so einem Städtchen, eins, zwei, drei: ö ö ö. Vier, fünf aber keine -oners, sondern grün und braun ist es da und nur Sockel lugen noch aus dem Erdreich, Steinstümpfe. Kein solcher Name, nein. Fünf wieder ö? Sechs und sieben: keiner da. Ja, da ist einer gekommen und hat saubergemacht, hat weggebracht, was nicht herpasste, hat Steine abgesägt oder geschlagen, schwere Platten weggetragen, Blumen, Pflanzen weggerissen, Umrandungen weggeräumt. 

Das alles im Lande der Klöns und Föns und Döns, wo solche Namen mit -oner zu Verwirrung und Gemütsstörungen führen könnten. Da ist der Friedhofsräumer vor.




giovedì 13 giugno 2019

Baum allein in weitem Feld,

einsam? inmitten grüner Halme, goldner Ähren? Du ahnst vielleicht, ein paar Felder weiter steht ein andrer wie Du, steht da und wundert sich über die, die ihm nahe stehen, auf einem Boden mit Dir. Verwundert zwar, fühlst Dich hier sicher. Das stimmt doch?

Ein polnischer Traktor fährt um Dich herum, einfach aus Höflichkeit. Wie es anderwärts wär? Denk nicht daran. 

mercoledì 12 giugno 2019

Die erste Zugklasse

kostet ja nicht viel mehr hier. Es lohnt sich aber, wegen der erhöhten Abenteuerlichkeit bei den weniger sparsamen Menschen. 

Einen Dichter habe ich in der ersten Klasse getroffen, was in der deutschen ja eher nicht vorkäme. Dann einen rasierten Rundschädel, welcher mir die Hand hinstreckte und auf meine Erklärung, ich spräche kein Polnisch, mich einlud, dann doch auf Ukrainisch oder Russisch zu parlieren. Zwangsläufig deshalb mit Gesten sich verständlich machte. "Zigarette jetzt, da hinten", was bekanntlich verboten. Er holte das Päckchen aus seinem Koffer, wobei er sich strecken musste, das Hemdchen hochrutschte und den Blick auf die Wodkaflasche freigab, die aus seinen Jeans emporragte. Den Rest der Reise saß er mit einem Bekannten vor dem Klo, trank, was übrigens auch verboten, und rief Nasdrowje, was erlaubt. 

Beim nächsten Mal ließ sich alles ganz langweilig an wie in der zweiten Klasse. Mädel links, Pärchen rechts. Dann kamen zwei stämmige Damen mit einem etwas heruntergewohnten älteren Herrn herein, welcher nur Englisch sprach, sowie einem Hund, einer deutschen Dogge nämlich, und schickten das Pärchen weg. Sie hatten reserviert, auch für die Dogge, die sich deshalb sogleich auf die Polster warf und sich vertrauensbildend hin- und her rollte, worauf auch das Mädchen von links das Abteil verließ. Nun verteilten die Ankömmlinge sich auf die fünf Sitze. Der wacklige Herr legte sich auf deren zwei und schlief ein, die Damen setzten sich, die Dogge saß mal zwischen, mal hinter ihnen: sie schoben sie mal von rechts nach links, dann wieder von vorne nach rückwärts, und sie hechelte lautstark.  Es war nämlich heiß. Inzwischen war noch ein Sohn oder Toyboy oder was der Damen aufgetaucht und hatte sich in die Abteiltür gestellt, wo er in türkisfarbenem Hemdchen und dunkelblauem Höschen seinen beträchtlichen Bauch hereinhielt und laute Reden schwang. Vermutlich hoffte er, den lästigen Ausländer, also mich, zu vertreiben. Aber ich dachte nicht daran, meinen kulturellen Aussichts- und Sehepunkt zu räumen, auch nicht, als die Dogge nach kurzem Ausflug zur Toilette, ja, ins Abteil zurück geleitet wurde und sich zu meiner Erfrischung trocken schüttelte. 

Sätze wie "In Deutschland wäre das nicht möglich!" haben eben durchaus auch ihren kleinen Sinn. 


mercoledì 5 giugno 2019

an Rafał,

denn wir waren damals befreundet, in Berlin, wo Du Dich schief gelacht hast über die Rentner im Supermarkt ("Heidelbeeren aus Polen? Nee!"), mindestens einmal in der Woche, denn wir gingen dann ein Bier trinken, oder zwei. 

Am Ende waren es sechs oder sieben, meine Freundin gewöhnte sich daran, dass um sieben Uhr morgens ein Duft von Minestrone aus der Tüte durchs Haus zog, weil ich ja mit Dir frühstücken musste, woraufhin Du zur Arbeit gingst ("Die polnische Leber ist anders, genetisch gesehen!") und ich krank war.

Du hattest solche Angewohnheiten, die mir bis heute polnisch vorkommen, also zum Beispiel um sechs Uhr morgens gegen die Tür eines Busses zu treten und "Kurwa!" zu schreien. Vielleicht sollte ich das jetzt nachmachen?

venerdì 31 maggio 2019

Lolek und Bolek frühstücken im Zug

Gestern haben sie sich noch einmal den Schädel rasieren lassen, Heute sind sie reisefertig. Lolek sitzt schon in der Küche: "Frühstück ist fertig!" Aber Bolek will nicht. "Wir fahren im Zug, Lolek!" sagt er, "da frühstücke ich doch nicht zu Hause in der langweiligen Küche!" Das sieht Lolek ein. Er macht Brötchen für die Reise. "Vergiss die Zwiebeln nicht!" ermahnt ihn Bolek. 
"Schon drin, und satt Knoblauch!" 

Sobald der Zug sich in Bewegung setzt, packt Lolek die Brötchen aus. Endlich! Man hört, mit wie großem Genuss die beiden kauen und die guten Bissen herunterschlucken. Dann schlafen sie ein. Den Kopf nach hinten geworfen, mit offen Mund. Eine Zauberwolke hält die Fliegen fern.

mercoledì 15 maggio 2019

PKP ä

Ihr äs werdet mit Schnuppigkeit behandelt, seitdem die Linguisten in der Welt regieren, für die Ihr im Gegensatz steht zum e, dem geschlossenen, und sonst gar nichts. 

Es gibt so viele von Euch, und jedes hat doch seine Eigenheit. Ich erinnere mich an ein sehr offenes, das kehlig klingende Leidenschafts-ä im ti voglio bene einer auch deshalb seinerzeit verehrten Süditalienerin, an das Ärger-ä im Ätsch bätsch vergangener Tage, an ein schlüpfendes ä nach i in liaison. Und jetzt aus Lautsprechern Du, PKP ä! Fortweisend? Was bist Du weitmäulig vorgehaucht! im Vergleich zu manchem deutschen ä, das eben vor Wurstigkeit immer auch mal einfach ein e ist. 

Mit jeder neuen Sprache immer neue äs, so das Versprechen.

lunedì 6 maggio 2019

Katzensprache


Eine Katze gebrauchte, wenn sie spräche,  langgezogene Doppelvokale mit i, so wie in nie, oder vermutlich auch seltsame Nasallaute nach alveopalatalem s, immer mit i, wie in się. Wenn sie dann etwa im Vorbeigehen etwas sagen würde wie jak dostaniemy się do domu? drehte sie, sehe ich, beim się den Kopf mit einer geschmeidigen Bewegung zurück, wie um mir einen hochnäsigen halben Blick zuzuwerfen.

venerdì 3 maggio 2019

Fahnenstangenhalter

Fahne an Fassade schmückt das lebendige Haus hier, am müden oder toten aber hängt allein der Fahnenstangenhalter, gern in dreifacher Ausführung, für dreimal Nation, oder was da grade dran ist. "Sei stolz", wollte er schreiben, "ich halte die Fahne" und: "hab mich lieb: Ich trage die Fahne –"

giovedì 2 maggio 2019

Erbschaften

Nehmen wir einmal an, ich hätte einen Großvater, der im Widerstand gefallen wäre, oder vielleicht einen Ur-Opa und Spanienkämpfer, dann wäre das gewiss aufmunternder als so einen Nazi wie den meinen, den einen. So oder so handelte es sich aber um Einzelfiguren, denen einer sich näher oder lieber ferner fühlen wollte und könnte.

Wie anders für diese hier. Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Urur- undsoweiter: Rein ins Gefängnis, raus aus dem Gefängnis, aufgehängt, verbannt, erschossen: alles für Polens Freiheit. Aufmunternd ist das, stelle ich mir vor, eher nicht. Vielleicht sogar erdrückend, diese ganze Nationalgeschichte, wie sie so erzählt wird. 

Tatsächlich sitzen dann solche jungen Leute so etwas eingesackt und zukunftsunlustig da und ich: "Zweihundert Jahre Heldengeschichte! Jetzt ist Polen frei und ihr sitzt da wie die Kartoffelsäcke! Keine Pläne, keine Kraft, kein Leben!"

"Da hast du völlig Recht", ist die müde Antwort.   

Doch dann fügt so eine Margareta mit ł hinzu: "Wenn Polen wieder geteilt oder überfallen würde oder so etwas, dann wären wir alle wieder dabei und würden kämpfen. Da kannst du sicher sein."

So oder so, etwas Polnisches. 

martedì 23 aprile 2019

Gesegnete Ostereier

Seine Mutter gehe samstags in die Kirche und lasse die Eier segnen, erklärte er mir, als wäre nichts. Ich bin begeistert. Endlich etwas richtig Polnisches. Dann schau ich zu Hause nach und stelle fest, dass man das auch im, wie man das ja nennt, deutschsprachigen Raum tut, nämlich in Bayern usw. Ausländisches gibt es eben auch zu Hause.