lunedì 8 novembre 2021

aus Modlin

Wir fahren ja selten noch irgendwo hin oder rein, sondern landen und staksen dann da hinaus, wo uns einer grad so hingeflogen hat.
 
Schauen wir uns um? Immer dicke Straßen, wiedererkannte Hotels, Schwedenmöbel, Medienmarkt wie überall, und wir müssen uns wiederum fort- oder eben hinbringen lassen, wenn wir etwas sehen wollen, was wir als das und das und nur das ja hatten suchen wollen.  

Doch dieses eine Mal bist du plötzlich, kaum raus aus der Flughafenbaracke, ganz hinaus aus allem. Bäumchen und Gestrüpp so weit du sehen kannst. Das Land schläft. 

Vom Bus aus siehst du aus Kleingärten Holzhäuser herausstehen. Festungsmauern dösen rot, offene Stollen gähnen dunkel, Fensterlöcher starren blind. 

Ja, hier war einmal, mitten im Lande, weit weg von allem, eine Grenze oder keine. Soldaten marschierten, Munition wurde gelagert, Ausschau gehalten, geschossen, gesäbelt und vor allem gewartet. Franzosen saßen da, Russen eroberten, Polen standen auf, Russen eroberten, Polen kamen wieder. Deutsche mordeten Juden. Polen wieder, weiter. 

Schließlich geduckte Häuschen, eine Reihe, da und alt am Kopfsteinpflaster entlang. 

Der Bus fährt vorbei, hält vor einem polnischen Landhaus? Schwer die Holztür? Drinnen rechts die winzige Öffnung des Fahrkartenschalters. Zwölf oder vierzehn Quadratmeter Bahnhofshalle oder Puppenstube. Neben dem Bahnhofscafé mit Gästezimmern der Kachelofen. 

Die Zementbrücke hinter dem Bahnhof führt auf den Weg in die Welt, die hier durchfährt. 



venerdì 5 novembre 2021

aus Warszawa Zachodnia

Wir hoffen ja, wenn wir so fahren, irgendwann zu entkommen und dem Osten zu begegnen. Vielleicht nicht grad so einem erden, lebens- und todesbejahenden russischen Muschik,  aber doch etwas oder jemandem, was oder der anders wäre als wirs kennen. 

Warszawa Zachodnia, der Warschauer Westbahnhof, läge da schon recht weit in der richtigen Richtung, deutet aber eben, das sagt ja der Name, Richtung Westen. Der Haupteingang öffnet sich glasdächern oder pariserisch zur Jerusalemsallee hin. Nur die Halle ist gut beheizt! Aber auf großen elektronischen Tafeln bewundern wir die ständig erneuerte Liste der ein- und ausführenden Züge. Ganz wie zu Hause. Automatische Tür gibt Durchgang frei, ach.

Doch im düstren Korridor hinter der Tür, der gelbgraue Menschen zu den Gleisen führt, lesen wir auf anderen Tafeln von anderen Uhrzeiten als zuvor. Der Kachelboden ist ein wenig in Auflösung. Hier ist etwas im Gange. Am Ende steht die Zahl sieben. Letztes Gleis?  Geheimnis! Briten führten hier 7 3/4 ein. In Warschau West genügt es, dass eine, dass sie gesagt hätte: "Wir treffen uns auf Gleis acht!" Verzweiflung. 

Was du nicht wissen kannst, du Suchender: Du musst hinaus, im Dunkeln vielleicht und durch Nebel, über einen Parkplatz, zwischen riesigen Bussen durch, über Schienen! Was glaubst du denn? Da ist es! Gleis acht! Seitwärts beleuchtet. Vielleicht ... 

Der große Korridor ist also am Ende nicht zu Ende, wie er am Anfang auch nicht beginnt. Denn rechts biegt er dort ab, zu den Überlandbussen. In graubraun erblindeten Fenstern hängen Rucksäcke, Telefonkabel, Pistolen und Tabakspfeifen. In Läden bieten dürre rote Bahnhofsfrauen Zwiebliges und Bier. Männer legen Buletten in Blechdosen. Einer sitzt am Tischchen und glotzt. Zwei verhandeln heftig und leise. Eine läuft hinaus. Was geht hier vor? Ist das noch der Westbahnhof? Keine eleganten jungen Damen, keine nagelneuen Trolleys, keine fliegenden Krawatten mehr. 

Kleine runde Frauen schleifen langsam schwere Säcke hinter sich her. Müde stapfen harte Männer an den Läden vorbei. Der Osten?

Doch orange leuchtet ein Sex Shop das Ende der Reihe herbei. "Nana" heißt er, kurz vor dem Ausgang zu den Bussen. Das Philologenherz pocht. Ein Zola-Zitat! Papa bringt seiner Nana zu Haus was Brummendes als Geschenkchen mit? Wo der Osten beginnt, rufts den Westen herbei? 

Nu ists sowieso vorbei mit solchem Hin oder Her. Der Seitenkorridor ist mit grünem Sichtschutz gesperrt. Auch der Ausgang Richtung Gleus acht ist zu. Warszawa Zachodnia wird renoviert und bald was ganz Westliches und Großes, wie der Name ja wohl sagt.

martedì 12 novembre 2019

Ach Kurzcakburger

die neue Zeit, sie kommt, und putzt vieles weg, so wie Dich! Bis vor wenigen Wochen noch in jeder polnischen  Zweigstelle, und nur da: weder in Italien noch in Deutschland gab es Dich. 

Scheibe Hähnchen, zwei Tropfen Paprikaketchup drauf, das Ganze in einem Magerbrötchen für 6 Zloty 50: die Polen, dachte da wohl wer, hätten ja kein Geld, richtig schlecht zu essen. Jetzt ist das Geld da oder den Leuten auch egal und es es gibt Dich nicht mehr, nur noch dasselbe MacChicken wie überall auf der Welt, paniertes Huhn mit mayonnaiseartiger Mundwinkelsauce, das einem im Magen hängt wie ein Ziegelstein. Du Opfer der Globalisierung, Du fehlst mir.

sabato 26 ottobre 2019

Heart of Darkness

Das Unerschlossene liegt einiges hinter den guten alten Namen aus der slawischen Familie, weit hinter Plechanow. 

Das Abenteuer, ein Ort namens Mhuawa. Seltsame Worte verwirren den fröstelnden Fremden. In Ihuawa zeigt eine Einheimische, kriegsbemalt? hinaus und haucht: Mghua! Ja, die Angst, Herr Livingstone! Die kommt mit den fremden Lauten des urpolnischen Mghuahili. 

martedì 15 ottobre 2019

Sozialistische Brüder

Wir mussten damals bei diesem Kulturtreffen auch einen  Amts- oder Würdenträger einladen. War es der polnische Botschafter? Oder ein Kulturattaché? 

Einer von uns musste dann mit diesem Herrn nicht nur zu Abend essen, sondern auch den anschließenden Wodka trinken. Das Los entschied, wer zu gehen hatte. 

Es traf Rainer, welcher am nächsten Tag krank aussah und sich nur an den letzten Toast dieser langen Nacht erinnerte, den auf die polnisch-chinesische Grenze. 



sabato 12 ottobre 2019

vom Bahnhof


Europa

Ginge noch einmal die Sonne auf über Iława Główna
Rot-weiß steckte der Kraftwerkskamin im Licht
Geblendet böte der Bauer den Besen mit offenem Maul
Weitab säße die Stadt, schamhaft verkrochen am See.  


sabato 28 settembre 2019

Sozialistische Erinnerung

Mit Marta, die nett anzusehen war und so etwas Zivilisiertes hatte, was meiner damaligen Freundin, welche aus Oberfranken stammte, durchaus abging, ging ich eine dieser Wandelstraßen in der zweiten Hauptstadt Polens oder wie sie das hier so sehen entlang, als plötzlich ein schlohweißer Greis im schwarzen Anzug auf dieselbe losstürmte, sich vor ihr verbeugte und zum Handkuss etwas von "Prinzessin" sagte. Marta lächelte dazu, und zwar bezaubernd.

Sie hatte aber, glaube ich, irgendwas mit Rafał.  

sabato 14 settembre 2019

"Was willst du hier? In Inowrocław, du? Fahr weiter!”


Es begab sich, dass ich in Inowrocław umsteigen musste, was mir ein vielversprechender Name schien, wie für etwas Chemisches oder ein Medikament.

Ausgestiegen, geht es vom Ankunftsbahnsteig ins Bahnhofsgebäude. Die große Tür gegenüber führt allerdings nicht auf einen Vorplatz hinaus, wie einer denken könnte, sondern auf einen anderen Bahnsteig hinüber.

Der wirkliche Ausgang befindet sich nämlich auf der schmalen Seite des Gebäudes, gleich vor den Sitzen der Wartenden. Dort durch die Tür, steht der Reisende aber vor einem hohen Gitter und kann nicht auf den Platz, den er doch sieht. Zwei seitlich, links wie rechts abgehende Wege leiten wiederum auf Bahnsteige zurück, so dass unsereiner sich angehalten sieht, immer im Kreis zu gehen, einmal rechts herum, einmal links herum, obwohl er gern Inowrocław besichtigt hätte, was aber offenbar nicht gewünscht wird, und so artgemäß kreiselnd auf den Zug zu warten. Wenn ihm das zu viel würde, was aber unwahrscheinlich ist, stünden ja immer noch die eigentümlichen Inowrocławer Sitzgelegenheiten bereit.



venerdì 30 agosto 2019

seltene Berufe (2): Banklieger

Es ist schon länger her. Es spielt, wie man vielleicht auch sagen hört, in einer anderen Epoche.

Ich war im März in einer kulturellen Großstadt nördlich von Wieliczka zu Besuch. Ging ich dann am frostigen frühen Morgen durch die Straße der Theater, lagen dort schlafende Männer auf den Bänken. Das waren nicht so abgetane, wie man ja meinen könnte und etwa in Berlin gefunden hätte, sondern solche in Anzug und Krawatte. Einige hielten ihre schwarze Aktentasche, die neben der jeweiligen Bank auf dem Bürgersteig stand, mit der Hand fest. Das hatten sie die ganze Nacht getan, nachdem sie, wie man mir erklärte, spätabends volltrunken auf ihren Bänken niedergesunken waren. Später am Morgen würden sie in ein Büro gehen und dort weiterschlafen.

Heute sehen wir solche schlafend im Dekorum der Stadt befestigten oder beschäftigten nicht mehr. 

giovedì 27 giugno 2019

seltene Berufe (1): Friedhofsräumer

Wenn wir denn mal auf dem Friedhof zu liegen kommen, wie man ja hie und da sagt, werden wir doch ungern gestört, so wie auch unsere Lieben, welche uns an diesem Ort zu beweinen wünschen, Belästigungen schwer ertrügen, wie sie etwa entstünden, wenn wir zum Beispiel Drön oder Plön oder Nöl hießen, die neben uns aber Perathoners oder Hüttenbwohner oder so etwas. Wie schön, wenn der Friedhofsräumer da aufpasst und vorsorgt.

Wir liegen in Reihen, dicht gelegt natürlich, in so einem Städtchen, eins, zwei, drei: ö ö ö. Vier, fünf aber keine -oners, sondern grün und braun ist es da und nur Sockel lugen noch aus dem Erdreich, Steinstümpfe. Kein solcher Name, nein. Fünf wieder ö? Sechs und sieben: keiner da. Ja, da ist einer gekommen und hat saubergemacht, hat weggebracht, was nicht herpasste, hat Steine abgesägt oder geschlagen, schwere Platten weggetragen, Blumen, Pflanzen weggerissen, Umrandungen weggeräumt. 

Das alles im Lande der Klöns und Föns und Döns, wo solche Namen mit -oner zu Verwirrung und Gemütsstörungen führen könnten. Da ist der Friedhofsräumer vor.




giovedì 13 giugno 2019

Baum allein in weitem Feld,

einsam? inmitten grüner Halme, goldner Ähren? Du ahnst vielleicht, ein paar Felder weiter steht ein andrer wie Du, steht da und wundert sich über die, die ihm nahe stehen, auf einem Boden mit Dir. Verwundert zwar, fühlst Dich hier sicher. Das stimmt doch?

Ein polnischer Traktor fährt um Dich herum, einfach aus Höflichkeit. Wie es anderwärts wär? Denk nicht daran. 

mercoledì 12 giugno 2019

Die erste Zugklasse

kostet ja nicht viel mehr hier. Es lohnt sich aber, wegen der erhöhten Abenteuerlichkeit bei den weniger sparsamen Menschen. 

Einen Dichter habe ich in der ersten Klasse getroffen, was in der deutschen ja eher nicht vorkäme. Dann einen rasierten Rundschädel, welcher mir die Hand hinstreckte und auf meine Erklärung, ich spräche kein Polnisch, mich einlud, dann doch auf Ukrainisch oder Russisch zu parlieren. Zwangsläufig deshalb mit Gesten sich verständlich machte. "Zigarette jetzt, da hinten", was bekanntlich verboten. Er holte das Päckchen aus seinem Koffer, wobei er sich strecken musste, das Hemdchen hochrutschte und den Blick auf die Wodkaflasche freigab, die aus seinen Jeans emporragte. Den Rest der Reise saß er mit einem Bekannten vor dem Klo, trank, was übrigens auch verboten, und rief Nasdrowje, was erlaubt. 

Beim nächsten Mal ließ sich alles ganz langweilig an wie in der zweiten Klasse. Mädel links, Pärchen rechts. Dann kamen zwei stämmige Damen mit einem etwas heruntergewohnten älteren Herrn herein, welcher nur Englisch sprach, sowie einem Hund, einer deutschen Dogge nämlich, und schickten das Pärchen weg. Sie hatten reserviert, auch für die Dogge, die sich deshalb sogleich auf die Polster warf und sich vertrauensbildend hin- und her rollte, worauf auch das Mädchen von links das Abteil verließ. Nun verteilten die Ankömmlinge sich auf die fünf Sitze. Der wacklige Herr legte sich auf deren zwei und schlief ein, die Damen setzten sich, die Dogge saß mal zwischen, mal hinter ihnen: sie schoben sie mal von rechts nach links, dann wieder von vorne nach rückwärts, und sie hechelte lautstark.  Es war nämlich heiß. Inzwischen war noch ein Sohn oder Toyboy oder was der Damen aufgetaucht und hatte sich in die Abteiltür gestellt, wo er in türkisfarbenem Hemdchen und dunkelblauem Höschen seinen beträchtlichen Bauch hereinhielt und laute Reden schwang. Vermutlich hoffte er, den lästigen Ausländer, also mich, zu vertreiben. Aber ich dachte nicht daran, meinen kulturellen Aussichts- und Sehepunkt zu räumen, auch nicht, als die Dogge nach kurzem Ausflug zur Toilette, ja, ins Abteil zurück geleitet wurde und sich zu meiner Erfrischung trocken schüttelte. 

Sätze wie "In Deutschland wäre das nicht möglich!" haben eben durchaus auch ihren kleinen Sinn. 


mercoledì 5 giugno 2019

an Rafał,

denn wir waren damals befreundet, in Berlin, wo Du Dich schief gelacht hast über die Rentner im Supermarkt ("Heidelbeeren aus Polen? Nee!"), mindestens einmal in der Woche, denn wir gingen dann ein Bier trinken, oder zwei. 

Am Ende waren es sechs oder sieben, meine Freundin gewöhnte sich daran, dass um sieben Uhr morgens ein Duft von Minestrone aus der Tüte durchs Haus zog, weil ich ja mit Dir frühstücken musste, woraufhin Du zur Arbeit gingst ("Die polnische Leber ist anders, genetisch gesehen!") und ich krank war.

Du hattest solche Angewohnheiten, die mir bis heute polnisch vorkommen, also zum Beispiel um sechs Uhr morgens gegen die Tür eines Busses zu treten und "Kurwa!" zu schreien. Vielleicht sollte ich das jetzt nachmachen?