mercoledì 12 giugno 2019

Die erste Zugklasse

kostet ja nicht viel mehr hier. Es lohnt sich aber, wegen der erhöhten Abenteuerlichkeit bei den weniger sparsamen Menschen. 

Einen Dichter habe ich in der ersten Klasse getroffen, was in der deutschen ja eher nicht vorkäme. Dann einen rasierten Rundschädel, welcher mir die Hand hinstreckte und auf meine Erklärung, ich spräche kein Polnisch, mich einlud, dann doch auf Ukrainisch oder Russisch zu parlieren. Zwangsläufig deshalb mit Gesten sich verständlich machte. "Zigarette jetzt, da hinten", was bekanntlich verboten. Er holte das Päckchen aus seinem Koffer, wobei er sich strecken musste, das Hemdchen hochrutschte und den Blick auf die Wodkaflasche freigab, die aus seinen Jeans emporragte. Den Rest der Reise saß er mit einem Bekannten vor dem Klo, trank, was übrigens auch verboten, und rief Nasdrowje, was erlaubt. 

Beim nächsten Mal ließ sich alles ganz langweilig an wie in der zweiten Klasse. Mädel links, Pärchen rechts. Dann kamen zwei stämmige Damen mit einem etwas heruntergewohnten älteren Herrn herein, welcher nur Englisch sprach, sowie einem Hund, einer deutschen Dogge nämlich, und schickten das Pärchen weg. Sie hatten reserviert, auch für die Dogge, die sich deshalb sogleich auf die Polster warf und sich vertrauensbildend hin- und her rollte, worauf auch das Mädchen von links das Abteil verließ. Nun verteilten die Ankömmlinge sich auf die fünf Sitze. Der wacklige Herr legte sich auf deren zwei und schlief ein, die Damen setzten sich, die Dogge saß mal zwischen, mal hinter ihnen: sie schoben sie mal von rechts nach links, dann wieder von vorne nach rückwärts, und sie hechelte lautstark.  Es war nämlich heiß. Inzwischen war noch ein Sohn oder Toyboy oder was der Damen aufgetaucht und hatte sich in die Abteiltür gestellt, wo er in türkisfarbenem Hemdchen und dunkelblauem Höschen seinen beträchtlichen Bauch hereinhielt und laute Reden schwang. Vermutlich hoffte er, den lästigen Ausländer, also mich, zu vertreiben. Aber ich dachte nicht daran, meinen kulturellen Aussichts- und Sehepunkt zu räumen, auch nicht, als die Dogge nach kurzem Ausflug zur Toilette, ja, ins Abteil zurück geleitet wurde und sich zu meiner Erfrischung trocken schüttelte. 

Sätze wie "In Deutschland wäre das nicht möglich!" haben eben durchaus auch ihren kleinen Sinn. 


mercoledì 5 giugno 2019

an Rafał,

denn wir waren damals befreundet, in Berlin, wo Du Dich schief gelacht hast über die Rentner im Supermarkt ("Heidelbeeren aus Polen? Nee!"), mindestens einmal in der Woche, denn wir gingen dann ein Bier trinken, oder zwei. 

Am Ende waren es sechs oder sieben, meine Freundin gewöhnte sich daran, dass um sieben Uhr morgens ein Duft von Minestrone aus der Tüte durchs Haus zog, weil ich ja mit Dir frühstücken musste, woraufhin Du zur Arbeit gingst ("Die polnische Leber ist anders, genetisch gesehen!") und ich krank war.

Du hattest solche Angewohnheiten, die mir bis heute polnisch vorkommen, also zum Beispiel um sechs Uhr morgens gegen die Tür eines Busses zu treten und "Kurwa!" zu schreien. Vielleicht sollte ich das jetzt nachmachen?

venerdì 31 maggio 2019

Lolek und Bolek frühstücken im Zug

Gestern haben sie sich noch einmal den Schädel rasieren lassen, Heute sind sie reisefertig. Lolek sitzt schon in der Küche: "Frühstück ist fertig!" Aber Bolek will nicht. "Wir fahren im Zug, Lolek!" sagt er, "da frühstücke ich doch nicht zu Hause in der langweiligen Küche!" Das sieht Lolek ein. Er macht Brötchen für die Reise. "Vergiss die Zwiebeln nicht!" ermahnt ihn Bolek. 
"Schon drin, und satt Knoblauch!" 

Sobald der Zug sich in Bewegung setzt, packt Lolek die Brötchen aus. Endlich! Man hört, mit wie großem Genuss die beiden kauen und die guten Bissen herunterschlucken. Dann schlafen sie ein. Den Kopf nach hinten geworfen, mit offen Mund. Eine Zauberwolke hält die Fliegen fern.

mercoledì 15 maggio 2019

PKP ä

Ihr äs werdet mit Schnuppigkeit behandelt, seitdem die Linguisten in der Welt regieren, für die Ihr im Gegensatz steht zum e, dem geschlossenen, und sonst gar nichts. 

Es gibt so viele von Euch, und jedes hat doch seine Eigenheit. Ich erinnere mich an ein sehr offenes, das kehlig klingende Leidenschafts-ä im ti voglio bene einer auch deshalb seinerzeit verehrten Süditalienerin, an das Ärger-ä im Ätsch bätsch vergangener Tage, an ein schlüpfendes ä nach i in liaison. Und jetzt aus Lautsprechern Du, PKP ä! Fortweisend? Was bist Du weitmäulig vorgehaucht! im Vergleich zu manchem deutschen ä, das eben vor Wurstigkeit immer auch mal einfach ein e ist. 

Mit jeder neuen Sprache immer neue äs, so das Versprechen.

lunedì 6 maggio 2019

Katzensprache


Eine Katze gebrauchte, wenn sie spräche,  langgezogene Doppelvokale mit i, so wie in nie, oder vermutlich auch seltsame Nasallaute nach alveopalatalem s, immer mit i, wie in się. Wenn sie dann etwa im Vorbeigehen etwas sagen würde wie jak dostaniemy się do domu? drehte sie, sehe ich, beim się den Kopf mit einer geschmeidigen Bewegung zurück, wie um mir einen hochnäsigen halben Blick zuzuwerfen.

venerdì 3 maggio 2019

Fahnenstangenhalter

Fahne an Fassade schmückt das lebendige Haus hier, am müden oder toten aber hängt allein der Fahnenstangenhalter, gern in dreifacher Ausführung, für dreimal Nation, oder was da grade dran ist. "Sei stolz", wollte er schreiben, "ich halte die Fahne" und: "hab mich lieb: Ich trage die Fahne –"

giovedì 2 maggio 2019

Erbschaften

Nehmen wir einmal an, ich hätte einen Großvater, der im Widerstand gefallen wäre, oder vielleicht einen Ur-Opa und Spanienkämpfer, dann wäre das gewiss aufmunternder als so einen Nazi wie den meinen, den einen. So oder so handelte es sich aber um Einzelfiguren, denen einer sich näher oder lieber ferner fühlen wollte und könnte.

Wie anders für diese hier. Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Urur- undsoweiter: Rein ins Gefängnis, raus aus dem Gefängnis, aufgehängt, verbannt, erschossen: alles für Polens Freiheit. Aufmunternd ist das, stelle ich mir vor, eher nicht. Vielleicht sogar erdrückend, diese ganze Nationalgeschichte, wie sie so erzählt wird. 

Tatsächlich sitzen dann solche jungen Leute so etwas eingesackt und zukunftsunlustig da und ich: "Zweihundert Jahre Heldengeschichte! Jetzt ist Polen frei und ihr sitzt da wie die Kartoffelsäcke! Keine Pläne, keine Kraft, kein Leben!"

"Da hast du völlig Recht", ist die müde Antwort.   

Doch dann fügt so eine Margareta mit ł hinzu: "Wenn Polen wieder geteilt oder überfallen würde oder so etwas, dann wären wir alle wieder dabei und würden kämpfen. Da kannst du sicher sein."

So oder so, etwas Polnisches. 

martedì 23 aprile 2019

Gesegnete Ostereier

Seine Mutter gehe samstags in die Kirche und lasse die Eier segnen, erklärte er mir, als wäre nichts. Ich bin begeistert. Endlich etwas richtig Polnisches. Dann schau ich zu Hause nach und stelle fest, dass man das auch im, wie man das ja nennt, deutschsprachigen Raum tut, nämlich in Bayern usw. Ausländisches gibt es eben auch zu Hause.

sabato 20 aprile 2019

Gretchenfrage

"Wie stellen Sie sich dieses Gretchen vor?"
Schweigen.
"Ich meine ,,. war sie zum Beispiel geschminkt?"
Schweigen. Dann Achselzucken. 
Eine wird mutig: "Ja, kann gut sein, oder?"
"Ja", schießt eine andere nach: "Warum denn nicht?"

Die Antwort wäre vermutlich etwas Deutsches, oder mehr was von früher.

giovedì 18 aprile 2019

eine Östlichkeit, Du Wartesaal

von Iława, Dein Fernseher flüstert! und auf den Kirchenbänken, wohlbeheizt! sitzen wir und schauen, schauen uns um: Neustbacksteingotik, Holzdecke! Und wir: eine Gemeinde, unterwegs vereint, gewärmt! 

Keiner gehe hinaus: da gibt es nichts. "Eine Viertelstunde von hier!" Glaubt es nicht, bleibt.

Im Westen gibt es Dich nicht mehr, Wartesaal. Da raunt sichs was von DB-Lounge, Gruseliges für die erste Klasse, sonst? Raus! und  Frost für alle, sie haben da den Bahnhof abgeschafft und merken es nicht! während Du noch, wieder, immer wieder Deine Türen öffnest und schließt, dass es warm bleibt in Dir.  

(Ein russischer Meister der Selbstfeier machte das ja so:

Die Alte nervt, du willst allein sterben, nicht in dem Zuhause, in dem du nichts zu sagen hast. Du gehst fort, schon ein bisschen wackelig auf den Beinen. Jemand sieht dir nach, das ist sicher. Man hat ein Auge auf dich, wie du weißt. Die Presse weiß bald Bescheid. Alle Welt hat nur auf diesen, deinen letzten Tag gewartet.



Nun weit weg! So weit es geht. Bahnhof, doch nicht mehr fahren! Wartesaal! Ein letztes Mal warten … Auf einer Kirchenbank, einfach und behütet! Ein paar Journalisten um dich herum, Platz ist genug. Die Leute flüstern nur, man zeigt auf dich. Jemand bringt Decken: schön, warm. 


Der Priester kommt. Weihrauch füllt den hohen Saal. Blitzlichter. Es ist gut, du kannst die Augen schließen.

Die Welt ist begeistert. So einen einfachen Tod hast du gesucht. Einfach, östlich: Im Westen, da müsstest du in der zugigen Haupthalle sitzen. Um eins hätte dich die Bahnhofspolizei vor die Tür gesetzt.)

venerdì 12 aprile 2019

Haus der polnischen Kultur

Ziemlich weit im Osten und doch sieht alles noch etwa so aus wie zu Haus. Zwar fehlen die deutschen runden kurzhaarigen Zwillingsehepärchen in teuren Regenjacken, zwar gehen die Damen vor hier, aber sonst ist es so eine Einkaufszentrenwelt mit etwas Backsteingotik, dass gar nichts fremdländisch Betörendes die Tage verzauberte, gäbe es nicht das Haus der polnischen Kultur. 
Burgzipfeldächelchen, gut, aber Pagodenbalkonbedachung, indische Tempelkurven? Da steht es, das Kulturhaus, so ostwärts weltumschlingend, so, Chopin hin oder her: mit dem Westen haben wir aber gar nichts zu tun, außer einem gemeinsamen Mittelalter. 

Tröstlich betörend für mich.

mercoledì 3 aprile 2019

Zufall vielleicht

Da ich da einmal die erste Klasse genommen habe, saß mir einer gegenüber, in leuchtendblauem Anzug vom Schneider, ein rotes Tüchlein kokett unkokett, nämlich gerade, also parallel zum Schnitt gefaltet,  in der Tasche, eine Packung Toscanelli vor sich, und sagte, er sei Dichter von Beruf. Was mir vielleicht rein zufälllig, aber wer glaubt an so was? nie vorgekommen ist, weder in der ersten noch in der zweiten Klasse, in Italien nicht und in Deutschland nicht und auch sonst. 

Ein italienischer Dichter wäre im Auto unterwegs, ein Deutscher redselig an einem Tischchen beim Stehempfang in Frankfurt verankert. Wenn so jedes Land seine ihm zustehenden Wortschmiede hätte, würde ich das sehr erfreulich finden können.   

Am nächsten Tag stellte sich mir im Supermarkt eine junge Dame vor. Die Tochter des Dichters. Sie erklärte mir auf Deutsch, dass sie nicht auf Deutsch reden wolle und auf Englisch auch nicht. Sie liebe Ihr Polnisch. Dann lief sie weg, die Dichtertochter, Vaters Freude.

martedì 2 aprile 2019

Glauben

"Abergläubisch?" "Nein". 
"Was tust du denn, wenn dir morgens eine schwarze Katze über den Weg läuft?"
"Logisch: Ich gehe drei Schritte zurück und dann weiter".

Als Schulausflug fahren übrigens alle Abiturklassen zur Madonna von Tschenstochau. Das eine hat mit dem anderen vielleicht aber gar nichts zu tun.