lunedì 28 novembre 2022

Die Nase, im Winter

Da gibt es leicht einmal Dinge, die nicht so schön, fein oder angenehm sind, wenn einer sich auswärts bewegt. 

Im fernen Zeeland hatte ich eine Studentin, welche, als ich ihr aus gegebenem Anlass ein Papiertaschentuch anbot, mit den Worten ablehnte: "Nein danke, das läuft so!" Was auch das Motto meiner fünfundzwanzig verschnupften Studenten bei der Klausur war, bei der ich Aufsicht zu führen hatte und zu lesen mir vorgenommen hatte, was mir dann aber bei dem sogleich einsetzenden gewaltigen Konzert von Hochziehen und Schniefen schwerfiel. Das war, so erzählte ich später in Deutschland, ziemlich eklig.

Nun bin ich in Polen und finde mich auf der anderen Seite. Hier empfindet man nämlich, wie ich aus entsetzten Blicken in einem Kaffeehaus erschließen musste und später in Gesprächen bestätigt fand, mein Hantieren mit einem Taschentuch und mein leichtes Schnauben zum Zwecke der Nasentrocknung, was bei dem Wetter ja öfter mal nötig ist, als  ekelhaft, also als etwas, was einer tunlichst in der Einsamkeit einer Toilette erledigte. "Das ist so etwas wie Rülpsen oder Furzen", erklärt mir Wildem eine.

Wir denken uns seit Gogol die Nase ja als durchaus selbstständiges und selbsttätiges Wesen, dass seinen Bedürfnissen entsprechend zu behandeln sei. Gute Erziehung in Polen heißt aber, seine Nase im Griff zu haben. 
  
 
 


giovedì 31 marzo 2022

An die Grabsteine,

denn ihr habt ja mitunter ein recht kurzes Leben. 

Einer kommt und stört sich an was, an einem Namen oder der Sprache des Namens oder? weiß niemand, und schlägt Euch um und trägt Euch weg, baut Euch ganz in Häuser ein oder zerklopft Euch zu Schotterstein. 

Das wäre recht trauriger, wenn Ihr nicht immer auch eine Basis hättet, eine Bodenplatte oder einen Sockel, etwas wie eine Wurzel, die nur mit größerer Wühlerei zu beseitigen wäre, weshalb sie meistens in der Erde stecken bleibt, ein Steinstumpf ohne Gesicht, aber da. 

Unsereins bleibt stehn und weiß von Toten, von denen nichts geblieben ist. Nur eben der Steinsockel da. 

lunedì 8 novembre 2021

aus Modlin

Wir fahren ja selten noch irgendwo hin oder rein, sondern landen und staksen dann da hinaus, wo uns einer grad so hingeflogen hat.
 
Schauen wir uns um? Immer dicke Straßen, wiedererkannte Hotels, Schwedenmöbel, Medienmarkt wie überall, und wir müssen uns wiederum fort- oder eben hinbringen lassen, wenn wir etwas sehen wollen, was wir als das und das und nur das ja hatten suchen wollen.  

Doch dieses eine Mal bist du plötzlich, kaum raus aus der Flughafenbaracke, ganz hinaus aus allem. Bäumchen und Gestrüpp so weit du sehen kannst. Das Land schläft. 

Vom Bus aus siehst du aus Kleingärten Holzhäuser herausstehen. Festungsmauern dösen rot, offene Stollen gähnen dunkel, Fensterlöcher starren blind. 

Ja, hier war einmal, mitten im Lande, weit weg von allem, eine Grenze oder keine. Soldaten marschierten, Munition wurde gelagert, Ausschau gehalten, geschossen, gesäbelt und vor allem gewartet. Franzosen saßen da, Russen eroberten, Polen standen auf, Russen eroberten, Polen kamen wieder. Deutsche mordeten Juden. Polen wieder, weiter. 

Schließlich geduckte Häuschen, eine Reihe, da und alt am Kopfsteinpflaster entlang. 

Der Bus fährt vorbei, hält vor einem polnischen Landhaus? Schwer die Holztür? Drinnen rechts die winzige Öffnung des Fahrkartenschalters. Zwölf oder vierzehn Quadratmeter Bahnhofshalle oder Puppenstube. Neben dem Bahnhofscafé mit Gästezimmern der Kachelofen. 

Die Zementbrücke hinter dem Bahnhof führt auf den Weg in die Welt, die hier durchfährt. 



venerdì 5 novembre 2021

aus Warszawa Zachodnia

Wir hoffen ja, wenn wir so fahren, irgendwann zu entkommen und dem Osten zu begegnen. Vielleicht nicht grad so einem erden, lebens- und todesbejahenden russischen Muschik,  aber doch etwas oder jemandem, was oder der anders wäre als wirs kennen. 

Warszawa Zachodnia, der Warschauer Westbahnhof, läge da schon recht weit in der richtigen Richtung, deutet aber eben, das sagt ja der Name, Richtung Westen. Der Haupteingang öffnet sich glasdächern oder pariserisch zur Jerusalemsallee hin. Nur die Halle ist gut beheizt! Aber auf großen elektronischen Tafeln bewundern wir die ständig erneuerte Liste der ein- und ausführenden Züge. Ganz wie zu Hause. Automatische Tür gibt Durchgang frei, ach.

Doch im düstren Korridor hinter der Tür, der gelbgraue Menschen zu den Gleisen führt, lesen wir auf anderen Tafeln von anderen Uhrzeiten als zuvor. Der Kachelboden ist ein wenig in Auflösung. Hier ist etwas im Gange. Am Ende steht die Zahl sieben. Letztes Gleis?  Geheimnis! Briten führten hier 7 3/4 ein. In Warschau West genügt es, dass eine, dass sie gesagt hätte: "Wir treffen uns auf Gleis acht!" Verzweiflung. 

Was du nicht wissen kannst, du Suchender: Du musst hinaus, im Dunkeln vielleicht und durch Nebel, über einen Parkplatz, zwischen riesigen Bussen durch, über Schienen! Was glaubst du denn? Da ist es! Gleis acht! Seitwärts beleuchtet. Vielleicht ... 

Der große Korridor ist also am Ende nicht zu Ende, wie er am Anfang auch nicht beginnt. Denn rechts biegt er dort ab, zu den Überlandbussen. In graubraun erblindeten Fenstern hängen Rucksäcke, Telefonkabel, Pistolen und Tabakspfeifen. In Läden bieten dürre rote Bahnhofsfrauen Zwiebliges und Bier. Männer legen Buletten in Blechdosen. Einer sitzt am Tischchen und glotzt. Zwei verhandeln heftig und leise. Eine läuft hinaus. Was geht hier vor? Ist das noch der Westbahnhof? Keine eleganten jungen Damen, keine nagelneuen Trolleys, keine fliegenden Krawatten mehr. 

Kleine runde Frauen schleifen langsam schwere Säcke hinter sich her. Müde stapfen harte Männer an den Läden vorbei. Der Osten?

Doch orange leuchtet ein Sex Shop das Ende der Reihe herbei. "Nana" heißt er, kurz vor dem Ausgang zu den Bussen. Das Philologenherz pocht. Ein Zola-Zitat! Papa bringt seiner Nana zu Haus was Brummendes als Geschenkchen mit? Wo der Osten beginnt, rufts den Westen herbei? 

Nu ists sowieso vorbei mit solchem Hin oder Her. Der Seitenkorridor ist mit grünem Sichtschutz gesperrt. Auch der Ausgang Richtung Gleus acht ist zu. Warszawa Zachodnia wird renoviert und bald was ganz Westliches und Großes, wie der Name ja wohl sagt.

martedì 12 novembre 2019

Ach Kurzcakburger

die neue Zeit, sie kommt, und putzt vieles weg, so wie Dich! Bis vor wenigen Wochen noch in jeder polnischen  Zweigstelle, und nur da: weder in Italien noch in Deutschland gab es Dich. 

Scheibe Hähnchen, zwei Tropfen Paprikaketchup drauf, das Ganze in einem Magerbrötchen für 6 Zloty 50: die Polen, dachte da wohl wer, hätten ja kein Geld, richtig schlecht zu essen. Jetzt ist das Geld da oder den Leuten auch egal und es es gibt Dich nicht mehr, nur noch dasselbe MacChicken wie überall auf der Welt, paniertes Huhn mit mayonnaiseartiger Mundwinkelsauce, das einem im Magen hängt wie ein Ziegelstein. Du Opfer der Globalisierung, Du fehlst mir.

sabato 26 ottobre 2019

Heart of Darkness

Das Unerschlossene liegt einiges hinter den guten alten Namen aus der slawischen Familie, weit hinter Plechanow. 

Das Abenteuer, ein Ort namens Mhuawa. Seltsame Worte verwirren den fröstelnden Fremden. In Ihuawa zeigt eine Einheimische, kriegsbemalt? hinaus und haucht: Mghua! Ja, die Angst, Herr Livingstone! Die kommt mit den fremden Lauten des urpolnischen Mghuahili. 

martedì 15 ottobre 2019

Sozialistische Brüder

Wir mussten damals bei diesem Kulturtreffen auch einen  Amts- oder Würdenträger einladen. War es der polnische Botschafter? Oder ein Kulturattaché? 

Einer von uns musste dann mit diesem Herrn nicht nur zu Abend essen, sondern auch den anschließenden Wodka trinken. Das Los entschied, wer zu gehen hatte. 

Es traf Rainer, welcher am nächsten Tag krank aussah und sich nur an den letzten Toast dieser langen Nacht erinnerte, den auf die polnisch-chinesische Grenze. 



sabato 12 ottobre 2019

vom Bahnhof


Europa

Ginge noch einmal die Sonne auf über Iława Główna
Rot-weiß steckte der Kraftwerkskamin im Licht
Geblendet böte der Bauer den Besen mit offenem Maul
Weitab säße die Stadt, schamhaft verkrochen am See.  


sabato 28 settembre 2019

Sozialistische Erinnerung

Mit Marta, die nett anzusehen war und so etwas Zivilisiertes hatte, was meiner damaligen Freundin, welche aus Oberfranken stammte, durchaus abging, ging ich eine dieser Wandelstraßen in der zweiten Hauptstadt Polens oder wie sie das hier so sehen entlang, als plötzlich ein schlohweißer Greis im schwarzen Anzug auf dieselbe losstürmte, sich vor ihr verbeugte und zum Handkuss etwas von "Prinzessin" sagte. Marta lächelte dazu, und zwar bezaubernd.

Sie hatte aber, glaube ich, irgendwas mit Rafał.  

sabato 14 settembre 2019

"Was willst du hier? In Inowrocław, du? Fahr weiter!”


Es begab sich, dass ich in Inowrocław umsteigen musste, was mir ein vielversprechender Name schien, wie für etwas Chemisches oder ein Medikament.

Ausgestiegen, geht es vom Ankunftsbahnsteig ins Bahnhofsgebäude. Die große Tür gegenüber führt allerdings nicht auf einen Vorplatz hinaus, wie einer denken könnte, sondern auf einen anderen Bahnsteig hinüber.

Der wirkliche Ausgang befindet sich nämlich auf der schmalen Seite des Gebäudes, gleich vor den Sitzen der Wartenden. Dort durch die Tür, steht der Reisende aber vor einem hohen Gitter und kann nicht auf den Platz, den er doch sieht. Zwei seitlich, links wie rechts abgehende Wege leiten wiederum auf Bahnsteige zurück, so dass unsereiner sich angehalten sieht, immer im Kreis zu gehen, einmal rechts herum, einmal links herum, obwohl er gern Inowrocław besichtigt hätte, was aber offenbar nicht gewünscht wird, und so artgemäß kreiselnd auf den Zug zu warten. Wenn ihm das zu viel würde, was aber unwahrscheinlich ist, stünden ja immer noch die eigentümlichen Inowrocławer Sitzgelegenheiten bereit.



venerdì 30 agosto 2019

seltene Berufe (2): Banklieger

Es ist schon länger her. Es spielt, wie man vielleicht auch sagen hört, in einer anderen Epoche.

Ich war im März in einer kulturellen Großstadt nördlich von Wieliczka zu Besuch. Ging ich dann am frostigen frühen Morgen durch die Straße der Theater, lagen dort schlafende Männer auf den Bänken. Das waren nicht so abgetane, wie man ja meinen könnte und etwa in Berlin gefunden hätte, sondern solche in Anzug und Krawatte. Einige hielten ihre schwarze Aktentasche, die neben der jeweiligen Bank auf dem Bürgersteig stand, mit der Hand fest. Das hatten sie die ganze Nacht getan, nachdem sie, wie man mir erklärte, spätabends volltrunken auf ihren Bänken niedergesunken waren. Später am Morgen würden sie in ein Büro gehen und dort weiterschlafen.

Heute sehen wir solche schlafend im Dekorum der Stadt befestigten oder beschäftigten nicht mehr. 

giovedì 27 giugno 2019

seltene Berufe (1): Friedhofsräumer

Wenn wir denn mal auf dem Friedhof zu liegen kommen, wie man ja hie und da sagt, werden wir doch ungern gestört, so wie auch unsere Lieben, welche uns an diesem Ort zu beweinen wünschen, Belästigungen schwer ertrügen, wie sie etwa entstünden, wenn wir zum Beispiel Drön oder Plön oder Nöl hießen, die neben uns aber Perathoners oder Hüttenbwohner oder so etwas. Wie schön, wenn der Friedhofsräumer da aufpasst und vorsorgt.

Wir liegen in Reihen, dicht gelegt natürlich, in so einem Städtchen, eins, zwei, drei: ö ö ö. Vier, fünf aber keine -oners, sondern grün und braun ist es da und nur Sockel lugen noch aus dem Erdreich, Steinstümpfe. Kein solcher Name, nein. Fünf wieder ö? Sechs und sieben: keiner da. Ja, da ist einer gekommen und hat saubergemacht, hat weggebracht, was nicht herpasste, hat Steine abgesägt oder geschlagen, schwere Platten weggetragen, Blumen, Pflanzen weggerissen, Umrandungen weggeräumt. 

Das alles im Lande der Klöns und Föns und Döns, wo solche Namen mit -oner zu Verwirrung und Gemütsstörungen führen könnten. Da ist der Friedhofsräumer vor.